von Rainer Naujoks
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2. April 2020
Die Frage “soll ich ein Instrument im Alter lernen” führ üblicherweise zu zahlreichen Einschüchterungen: Durch die besondere „Aura“, die klassische Musik in unserem Kulturkreis hat. Vor lauter Ehrfurcht vor den „großen“ Komponisten und den „großen“ Interpreten verlässt einen schon mal der Mut. Durch die Ratschläge von Profis Durch die Ratschläge von Besserwissern (besonders in Internetforen) Duch die abtörnenden Gemeinplätze von Bekannten, die keine Ahnung haben, sich aber trotzdem äußern Durch die Beispiele von anderen Lernern, die so gelernt haben wie in der Schule (also reine Stoffvermittlung statt mit Freude am lernen, am Entdecken, am Erfahrungen-machen usw) und die nun denken, daß es nicht anders geht Durch hochgesteckte Erwartungen, oft am vorgestellten Beispiel (ich lerne Geige, weil ich so spielen möchte wie David Garret…) Durch die ewig gleichen Mechanismen der Selbsteinschüchterung, Selbstzweifel Durch eigene Programmierung auf falsches Lernen in der eigenen Lebensgeschichte Durch einprogrammierte Fehlerangst Durch aggressive Warnungen (das klingt ja schrecklich …) und der Angst der vorweggenommenen Abwehrreaktion der anderen/Umwelt/Familie (sehr oft) Und das wird erheblich verstärkt durch die zahlreichen vermeintlich guten Ratschläge (das ist zu schwer, da muss man jahrelang schwer üben, … lasse es lieber, das schaffst Du doch nicht (und solche negative Meinungen kennt man zur Genüge aus Kinderzeiten, die reaktivieren ungefiltert die alten Muster von Selbstzweifeln, …) „Einfach Musik machen“ – das fällt dem Erwachsenen schwer. Und das ist es, was das Erlernen eines Instrumentes so schwer erscheinen lässt. Das Kind legt einfach los und lernt, indem es einfach macht. Es lernt laufen, indem es einfach läuft, es lernt sprechen, indem es einfach spricht, ohne sich das Lernen durch permanente Selbstzweifel schwer zu machen. Hätten wir beim ersten Hinfallen frustriert aufgegeben – wir hätten nie laufen gelernt. Der Erwachsenen dagegen möchte den Bogen gleich entnervt aus der Hand legen, weil die ersten Töne so „quietschen“ und „kratzen“ „Aller Anfang ist schwer“ – das ist ein typischer Erwachsenen-Mythos. Quatsch. Der Anfang ist nicht schwer, er ist lediglich der Anfang. Der Rest ist lernen, und das ist nicht schwer sondern spannend, faszinierend, abenteuerlich, auch mal schweißtreibend (und das ist Jogging auch)… All das hat uns vergessen lassen, dass Musik-machen einem zutiefst menschlichen Ausdrucks- und Kommunikationsbedürfnis entspringt. Wie das Sprechen. Auch wenn wir keine großen Redner oder Dichter sein mögen, so sind wir doch in der Lage, uns mit anderen auszutauschen, unsere Wünsche mitzuteilen usw. Mit der Musik ist das nicht anders. Da es normalerweise in unserer Kultur nicht selbstverständlich ist, daß wir Sprechen und Musik gleichermaßen von Beginn an praktizieren, müssen wir später das nachholen, was wir beim sprechen lernen quasi automatisch gemacht haben: üben (besser: praktizieren, denn der Begriff „üben“ ist allzu negativ besetzt). Üben heißt: einfach spielen. So oft wie möglich. Mit oder ohne Noten. Üben heißt: alles auf den Müll, was uns hemmt, einschüchtert, verunsichert. Unser Spiel, egal, wie es zunächst klingt, nicht im vorauseilendem Gehorsam verängstigt mit den Ohren anderer hören, die uns abschätzig, höhnisch, mitleidig, genervt usw. beurteilen (hätten unsere Eltern uns, als wir gerade laufen lernten, ärgerlich zurechtgewiesen oder ausgelacht, lägen wir noch heute im Kinderwagen). Auf den Müll auch alle hochkulturellen Denkmuster. Ja, es lassen sich aus der Sicht eines Hochkulturbeflissenen Unterschiede zwischen „Alle Vögel sind schon da“ und Schuberts „Schöner Müllerin“ ausmachen. Das soll Sie nicht entmutigen; üben/spielen Sie das, was Sie gerade können, und freuen Sie sich, wenn es einigermaßen klappt. Machen Sie’s noch mal, und es wird besser klappen. Bloß keine Ehrfurcht vor Bach und Co. Das Wichtigste, was wir lernen müssen, ist das Lernen selber (und das durchaus eine Herausforderung, haben wir doch fast alle das Lernen verlernt.) Was es zunächst mal braucht ist also nicht so etwas Diffuses wie „Begabung“ und „Musikalität“ sondern Ausdauer und Geduld. „Dranbleiben“ könnte man auch sagen. Kleine Schritte machen, überlegt und zielstrebig, maßvoll und achtsam einen Schritt und noch einen … und nicht aufgeben – auch bei Durststrecken, die es zweifellos gibt. Das Wunder wird eintreten. Jedes Mal klappt es ein bisschen besser.